Owned Experience · Kapitel 2 von 8
Marketing-Legenden und wie sie entstehen
Die Verschiebung zu gemieteter Reichweite hat, so meine Vermutung, einen einfachen Grund: Sie ist der Hebel, der ganz in der Hand des Marketings liegt. Dieses Kapitel zeigt, was das mit Steuerung und Erfolgsmessung macht.
Wer Marketing verantwortet, soll Wirkung belegen, und die gängigen Messmodelle machen das schwerer, als es aussieht. Im Mittelpunkt stehen Last-Click-Attribution, Erfolge, die kein Test bestätigt hat, und die Frage, warum Marketing und IT so selten dieselben Ziele verfolgen.
Marketing-Legenden und wie sie entstehen
Wer ein Mediabudget verantwortet, kann morgen früh eine Kampagne starten, mittags die ersten Klicks sehen und am Monatsende den Preis je Klick berichten. Wer verbessern will, was Kunden entlang der gesamten Customer Journey digital erleben, braucht ein Entwicklungsteam, einen Platz auf dessen Roadmap und Geduld. Das eine liegt im eigenen Budget, das andere nicht. Ich habe es in vielen Unternehmen so gesehen: Budget fließt dorthin, wo es sich steuern lässt und schnelle Effekte in Aussicht stehen.
Auch die Messung ist auf schnelle Effekte angelegt. Gesteuert wird nach dem, was der Kanal liefert, bis zum Umsatz nach dem letzten Klick; Wiederkauf und Kundenwert zeigen sich später, und darauf wartet ein Quartalsbericht selten. So bekommt der letzte Klick vor dem Kauf den Umsatz zugeschrieben, auch wenn der Kunde die Marke schon kannte und ohnehin gekommen wäre9. Daraus entsteht, was ich Marketing-Legenden nenne: Erfolge, die die Zuschreibung erzeugt und die Wirkung nie bestätigt hat. Keine Absicht, kein Versagen, ein Nebenprodukt der Messung.
Wie weit eine Steuerung nach dem letzten Klick danebenliegen kann, zeigt der Fall Adidas von 2019: Erst die kanalübergreifende Messung zeigte, dass Markenwerbung den größten Teil des Umsatzes getrieben hatte, auch im eigenen Onlineshop10.
Wo das Digitale im Organigramm landet
Die zweite Beobachtung betrifft die Organisation. Website, Portal oder Shop laufen in vielen Unternehmen nebenher mit, mal als Sonderfall, mal dort, wo sie einmal entstanden sind, mal als eigener Bereich wie eine Filiale11. Selten werden sie im Zusammenspiel mit Marketing, Vertrieb und Service geführt, die Verantwortung bleibt fragmentiert. Der Shop oder das Portal kam als Projekt, folgt dem Corporate Design, soweit die Standardsoftware es zulässt, und liegt seitdem bei der IT oder bei E-Commerce. Das Marketing bringt Besucher, übergibt an der Tür und bekommt am Ende die Conversion-Rate gemeldet. Sinkt sie, wird mehr Reichweite gemietet.
Dass Marketing und IT dabei selten dieselben Ziele verfolgen, ist belegt. Forrester nennt für 2026 fehlende gemeinsame Ziele, Kommunikationsprobleme und widersprüchliche Prioritäten als Gründe, warum die Zusammenarbeit von Marketing und IT stagniert12. Gartner hat 2023 rund 2 500 IT-Chefs weltweit befragt: Nur 12 Prozent führen Digitalvorhaben gemeinsam mit den Fachbereichen, mit geteilter Verantwortung für Planung, Umsetzung und Ergebnis. Wo das geschieht, erreichen 63 Prozent der Vorhaben ihre Ziele, sonst 43 Prozent13. Für den deutschsprachigen Raum nennt der Marketing Tech Monitor 2025 Machtkämpfe zwischen Abteilungen als entscheidende Hürde14.
Ich habe durchweg gute Erfahrungen damit gemacht, Business-Seite und IT näher zusammenzubringen: in der Führung mit gemeinsamen Zielen, operativ mit crossfunktionalen Teams, die an einem Ort sitzen statt in zwei Gebäudeteilen. Bei einem regionalen Online-Portal, einem Vergleichsportal und einem Filialhändler mit Onlineshop war das jeweils die Maßnahme mit der größten Wirkung.
Zur Einordnung: Es fehlt nicht an Willen. Nutzerforschung, Conversion-Arbeit, Steuerung der Entwicklung, Messung an Wirkung und Markenführung in der Interaktion gehörten bisher nicht zum Kern dessen, was ein Marketingverantwortlicher beherrschen musste. Sie lagen bei anderen, und das System hat das belohnt. Wo Wachstum stattdessen entsteht, zeigt Kapitel 3.
Fußnoten
- Coleridge 2026: Undervalued Traffic and Last-Click Attribution. ^
- Marketing Week 2019: Adidas: We Over-Invested in Digital Advertising. ^
- Morys 2018: Die digitale Wachstumsstrategie. ^
- Forrester 2026a: The State of CMO-CIO Collaboration for 2026. ^
- Gartner 2023: 2024 CIO Agenda. ^
- Marketing Tech Lab 2025: Marketing Tech Monitor 2025. ^
Quellen
- Coleridge 2026 Coleridge, Dom: Why Undervalued Traffic and Last-Click Attribution Are Costing Brands. Advertising Week, 18.02.2026. https://advertisingweek.com/why-undervalued-traffic-and-last-click-attribution-are-costing-brands/ (abgerufen am 02.10.2026).
- Forrester 2026a Forrester: The State of CMO-CIO Collaboration for 2026. Report, 14.01.2026. https://www.forrester.com/report/the-state-of-cmo-cio-collaboration-for-2026/RES190656 (abgerufen am 06.10.2026).
- Gartner 2023 Gartner: 2024 CIO Agenda. Oktober 2023, auf Basis der CIO and Technology Executive Survey mit 2 457 CIOs aus 84 Ländern; Pressemitteilung, 17.10.2023. https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2023-10-17-gartner-survey-of-over-2400-cios-reveals-that-45-percent-of-cios-are-driving-a-shift-to-co-ownership-of-digital-leadership (abgerufen am 06.10.2026).
- Marketing Tech Lab 2025 Marketing Tech Lab: Marketing Tech Monitor 2025. D-A-CH, 04.06.2025. Qualitative Auswertung. https://marketingtechlab.de/marketing-tech-monitor-2019-2026/ (abgerufen am 06.10.2026).
- Marketing Week 2019 Marketing Week: Adidas: We Over-Invested in Digital Advertising. 2019. https://www.marketingweek.com/adidas-marketing-effectiveness/ (abgerufen am 06.10.2026).
- Morys 2018 Morys, André: Die digitale Wachstumsstrategie. Springer Gabler 2018.
Weiterdenken
- Welcher Erfolg in Ihrem letzten Marketingbericht ist durch einen Test belegt, und welcher durch die Attribution?
- Wann haben Marketing und IT bei Ihnen zuletzt ein gemeinsames Ziel vereinbart?
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